Darf es ein bisserl mehr Vernunft sein?

Über die gebräuchliche österreichische Veranstaltungs-Unkultur, über gesellschaftliche Irrwege und mögliche Auswege

29102016

>> Für Eilige eine klipp und klare Kurzfassung https://santonina.wordpress.com/berichte/darf-es-ein-bisserl-mehr-vernunft-sein/kurzfassung-unkultur/

img_3097Es muss doch einmal gesagt sein.
Gestern war ich wieder einmal zu einer Musikveranstaltung irgendwo in Österreich als zahlender Gast eingeladen.
Die Band, die querbeet Country, Rock und Blues spielt, war mir bereits bekannt. Aber von ihrer Musik erlebte ich an diesem Abend nur ein einziges Stück. Denn entgegen der Ankündigung der Veranstaltung mit Beginn um 19:00 Uhr begann die Musik erst gegen 20:45 Uhr zu spielen.
Die Zeit bis dahin verbrachten mein Begleiter und ich im beheizten Zelt und nahmen Mahlzeiten ein, was natürlich den Wirt erfreute.
Der Gastraum (Café und Pub) war übervoll, laut und verraucht, ein Aufenthalt dort für uns undenkbar. Wir saßen also auf Heurigenbänken und erlebten mit, wie sich nach und nach auch diese angrenzende Zelthalle füllte. Mehr als die Hälfte der Gäste und auch Musiker zündeten sich eine Zigarette nach der anderen an.
Zur Überbrückung der Wartezeit wurde untermittelprächtige Konservenmusik geboten.
Nach einer Stunde – ich bin Kontaktlinsenträgerin – brannten meine Augen und ich fühlte mich entsprechend unwohl.
Speisen und Getränke waren sehr gut, der Wirt zeigte sich sehr freundlich und bemüht, die Stimmung war gut. Die musikalische Darbietung wird sicher goßartig gewesen sein. Wir genossen leider nicht viel mehr als den Soundcheck.
Das Warten erschien uns sehr lange. Aber dann, endlich… Das Konzert, auf das wir an die zwei Stunden sehnsüchtig gewartet hatten, begann. Während des ersten Stückes  war der Musikgenuss von widerprüchlichen Gefühlen beeinträchtigt. Bleiben oder Gehen? Die Flucht aus dem Lokal erfolgte aus freien Stücken und dennoch unfreiwillig. An einen weiteren Aufenthalt in dieser Qualm- und Saufbaude war einfach nicht mehr zu denken. Mit dem Einsetzen der Band war nun zwar für beschwingte Klänge gesorgt, aber gleichzeitig das Maß voll. Dabei war es nur ein klein wenig zu laut. Irritierung. Der Körper sendete laufend Signale von diversem Unbehagen  aus und verlangte nach frischer Luft – also weg, schleunigst raus.

Durch den bis auf den letzten Platz gefüllten, noch weit verqualmteren Gastraum mit einer betäubenden Gesprächskulisse kämpfen wir uns ins Freie. Die Musik begleitete uns noch zum einen kurzen Fußmarscn entfernt gaparkten Auto.
Wehen Herzens fuhr ich heim, weil ich mich auf diesen musikalischen Abend gefreut habe. Auch mein Begleiter hatte sich gemütliches Entspannen erhofft. Er war nur wegen des Interesses an der Musik mitgefahren. Aber jetzt waren wir beide nur einfach „grantig“.

Jetzt ist der Tag danach. Es ist zehn Uhr morgens. Ich bin geduscht, meine Haare sind gewaschen. Der Mantel hängt im Freien. Die gesamte Wäsche stank so nach Rauch, dass sie – gerade einen Abend getragen – in die Waschmaschine musste.
Während die Maschine vor sich hinrauscht, dröhnt noch mein Kopf, brennen meine Augen, fühlen sich die Atemwege grauslich an und ich nuckle frustriert an meinem Frühstückskaffee. Den Beginn des Wochenendes habe ich mir anders erträumt.
Dafür habe ich also zwei lange Nachtfahrten hinter mir, nur um mir diesen Frust zu holen.
Da hätte ich mir wohl besser ein paar Songs auf Spotify anhören und mich wohlig zu Hause auf der Couch räkeln sollen…
Etwas in mir sagt sich: Warum tust du dir das an? Fahre einfach nimmer!
Und so, ihr lieben Leute, wird es auch geschehen.
Ich frage mich einmal mehr und diesmal öffentlich:
Muß das sein?
Wie blöd können Menschen noch sein und sind sich dessen gar nicht bewusst?
Schlecht organisierte Veranstaltungen in verrauchten Lokalen, die Musik zwischen laut bis unerträglich laut, Überbetonung von Trinken gegenüber Musikgenuss oder gar etwa Tanz.
Wo ist noch Raum für Freude und Lebenslust?
In den vergangenen Jahren bereiste ich viele Länder und stellte fest, dass es auch anderswo ähnlich bescheuert zugeht, nur nicht ganz so arg wie in Österreich.
Übersteuerte Musikanlagen, teure Getränke, die dennoch in großen Mengen konsumiert werden, hoher Lärmpegel, Programm erst zu vorgerückter Stunde. Aber immerhin kein Rauch! Der Wahn, sich im eigenen Qualm zu baden und seine Mitmenschen damit zu schädigen, findet sich nur wohl noch in Österreich. Halt schade, dass mein Heimatland gerade in Sachen Borniertheit einzigartig ist.
Wie verroht kann man sein, dass man sich und anderen Menschen solche Bedingungen zumutet? Ist das Kultur?
Wer entschädigt mich für alle Unannehmlichkeiten? Nach einer arbeitsreichen Woche möchte man am Wochenende doch etwas erleben, was das Herz höher schlagen lässt, und nicht in eine Art irdische, menschengemachte Hölle hinabsteigen!
Das Erschreckendste für mich aber ist, dass es anscheinend so gut wie niemanden bewusst ist. Die wenigen, die die Situation als verroht, aber veränderbar erkennen, nehmen die Auswüchse hin und unterstützen so die Rechtfertigung der Veranstalter, dass es halt so sein müsse, sonst kämen ja keine Gäste mehr. Die nicht mehr ausgehen, scheinen nicht zu zählen. Man sieht nur die im Licht, haha. Im Licht – wer sind sie? Ich fühlte mich fremd.  Wie ein Zeitreisender, der versehentlich in eine völlig verdreht Welt geraten ist.  Sind das nicht einfach Lebewesen um mich herum, die glücklich sein wollen? Aber bitte, warum mit solchen Mitteln? Warum? Sie wirken stark und sind doch im Innersten eine elende Schar. Denn kein Tier würde sich so etwas antun. Kein Menschen mit natürlichem Empfinden möchte das. Wie kann man sich also solchen Geselligkeiten unterwerfen und so tun, als sei dies normal?
Kritik oder gar Verweigerung wie in meinem Fall wird mit Häme und Hass begegnet, vor allem seitens derer, die ihre Süchte verteidigen müssen, die ihre Traumata und Unsicherheiten mit Drogen und Lärm zu betäuben versuchen, die keine Alternativen kennen, die die Einsamkeit in Kaschemmen treibt… Wie öft hörte ich schon Geständisse von Wirten und Servierpersonal, dass es halt wegen dem Geld ist. Viele leidern Tag für Tag unter solchen Arbeitsbedingungen. Muss das sein?
Fern der Öffentlichkeit begegnet man so manchen Leuten, die einem Recht geben, ebenso leiden, resigniert haben – aber leider zu feig und bequem sind, ihre Stimme zu erheben.
Und so kommt es, dass man sich oft wie ein Rufer in der Wüste vorkommt, auf verlorenem Posten. Wenn ich dieses Gegeneinanderwogen auf mich wirken lasse, frage ich mich, wie gespalten kann die Menschheit noch sein?
Die Steuerbehörde und die Wirte interessiert nur, dass der Rubel rollt, das ist ja ihr Metier.
Die Musiker sind froh, wenn sie auftreten können, denn das Agebot übersteigt die Nachfrage, und viele von ihnen sind leider, leider süchtig. Die „Vernünftigen“ werden als Ewiggestrige betrachtet, wenn’s ihnen nicht passt, sie können ruhig daheimbleiben…
Die Chance, dass sich das Blatt wendet, ist nur, dass mehr von den Menschen, die noch ein natürliches Empfinden haben, in Erscheinung treten, indem sie erklären: „Wir wollen das nicht!“ und dafür auch in Kauf nehmen, gleich an der Schwelle wieder umzukehren, was wir auch schon häufig taten.
Ich hege nur den Verdacht, dass viele noch einen entscheidenden Zwischenschritt vorzunehmen haben, nämlich den des Erkennens und Gewahrwerdens im Sinne von: „Was zum Geier geht hier ab und was tun wir uns an?“
Da dies ein höchst individueller Prozess ist und erst greift, wenn eine gewisse Zahl erreicht wird und solche grauslichen Veranstaltungen deutlich gemieden werden, bleibt uns und anderen dieser doofen Vernünftigen vorerst nur, nicht mehr zu solchen Veranstaltungen zu fahren und auf bessere Zeiten zu hoffen.
Wenn mehr und mehr Menschen durchblicken und das Rückgrat haben, solchen lauten, stinkigen Veranstaltungen den Rücken zu kehren und vehement eine gedeihliche Lokal-Kultur einfordern, so wird eine Verbesserung eintreten, vorher nicht.
Angeblich leben ja immer mehr Menschen gesundheitsbewusst und übernehmen für ihr Befinden Eigenverantwortung.
Was aber bei der Vielzahl von öffentlichen Veranstaltungen in Österreich gelebt wird, steht in krassem Widerspruch dazu. Wo sind also diese gesundheitsbewussten Menschen? Sind bei solchen Events nur Gesundheitsunbewusste, oder sind da Gesundheitsbewusste auch dabei und nehmen sich gerade mal eine Auszeit? Jedenfalls, ich verstehe das nicht, schon gar nicht in einer Zeit, in der wir ohnehin lärm- und stressbelastet sind und uns wegen der bösem Emissionen auf Autobahnen mit Tempo 100 vor uns selbst schützen sollen?
Ist das nicht, mit Verlaub, ein bisserl absurd?
Inzwischen sollte es wirklich schon jedes kleine Kind wissen, was unserem Körper und unserem Gemüt Schaden zufügt.
Auch sollte es inzwischen jede Menge mündiger Erwachsene geben, die Wert auf eine gepflegte Veranstaltungskultur legen.
Ist es denn zu viel verlangt? Frisches Wasser auf dem Tisch, rücksichtsvolle Unterhaltung, Musik in angemessener Lautstärke und die Befriedigung von Rauchsucht nur im Freien…
Wie seltene exotische Blumen gibt es sie noch, die anderen Veranstaltungen, bei denen es passt.
Die Freude bereiten. Musik, die innerlich und äußerlich bewegt.
Mit dem Eindruck beim Heimgehen, dass man ein paar unbeschwerte glückliche Stunden erlebt hat.
Ja, es ist möglich.

Des Kaisers neue Kleider… In allen anderen gesellschaftlichen Bereichen gibt es Parallelen dieser „Un-Kultur“. Ob es nun um das politische Klima geht oder um den Bildungssektor, es wird gemaunzt, aber nur einige wenige „Spinner“ bemühen sich um eine Entwicklung einer gedeihlichen Kultur.  Das sei hier nur am Rande erwähnt, weil es mir hier um mehr geht als nur um eine Schilderung einer zweifelhaften Lokal-Szene. Es geht um das Gewahrwerden schlechthin, um dieses „Was zum Geier geht hier eigentlich ab, und was können wir tun?“ Alles klar?

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