Der Siegeszug der Craft Biere

Santonina wurde das Glück zuteil, im April 2015 am dritten Craft-Bier-Symposium in der Ottakringer Brauerei teilnehmen zu dürfen. Im Folgenden ein bebilderter Bericht.

Drittes Craft-Bier-Symposium in der Ottakringer Brauerei – die bunte Welt der „Kleinen“

Santonina, 2015

image1Die Craft Biere verheißen viel Spannung und erobern Terrain in der Welt der Genießer. Ein Beitrag zu gelebter Lebensfreude.

Dabei sind die „Kleinen“ unter den Bierbrauereien keineswegs dazu angetreten, den Bier-Markt für sich zu erobern. Sie beleben die Szene. Die Enstehungsgeschichte liest sich meist: „Da waren zwei, die wollten ihr eigenes Bier brauen; sie probierten, probierten, entwickelten Ideen…“ Biere, die ihren Ursprung in Begeisterung und Leidenschaft haben. Und das ist spürbar!

Allen geht es gut damit

Wie gerade das Beispiel der großen Ottakringer Brauerei in Wien zeigt, sind es gerade die Gegensätze, von denen im Endeffekt alle profitieren können – die Kleinen und die Großen. Innovation, Kreativität, zunehmende Vielfalt, Begeisterung – was Besseres kann es gar nicht geben, um das Niveau der ehrwürdigen Braukultur höher zu entwickeln und Interesse zu wecken. Es gibt also nur Gewinner.

Weinwelt versus Bierwelt

Aber auch Folgendes wurde mir bei dieser Veranstaltung bewusst: Es wird ein Raunen durch die Weinszene gehen! Warum? Es wird Dynamik in der Gastronomie entstehen. Der Tischkultur befindet sich in Umwälzungen. Denn nun ist die Welt der Biere im Begriff,l weltweit mindestens ebenso vielfältig und spannend wie die Welt der Weine zu werden. Das Bier wird immer mehr über den reinen Durstlöscher und die traditionelle chemiefreie „Flüssignahrung“ hinaus zum vielfältig einsetzbaren Spezialität, als Aperitiv, Digestif, Bargetränk, Speisenbegleitung, Geschmackserlebnis pur. Gerade da rasche Wachstum an kreativer Vielfalt führt zu einer Art Quantensprung in der Bierszene. Es kann prognostiziert wrden, dass gerade kultivierte junge Leute Lokale lieben werden, in denen eine Vielfalt an Craft Bieren durchprobiert werden kann – und über Social Media berichtet man unverzüglich Freunden, was man soeben getestet hat und wie’s bekommt. Gelebte Lebensfreude.

image4Trends werden aufgezeigt

Die Craft-Bier-Symposien, veranstaltet von der Getränke-Großhandelsfirma Kolarik & Leeb, richten sich an Fachpublikum – also an Getränkehandel und Gastronomie. Sie zeigen Trends auf, ausgesuchte Craft Biere werden präsentiert und verkostet und spezielles Augenmerk wird auf Food Pairing gerichtet – also die Kombination von Speisen und dazu passendem Getränk. Der Schwerpunkt des dritten Events dieser Art am 20 April 2015 wurde auf die Vorstellung belgischer Craft Biere gerichtet. An diesem sonnigen Tag empfing die Teilnehmer schon beim Ausstieg aus den Öffis der Hefeduft, der von der Ottakringer Brauerei über die Straße wehte. Vorfreude machte sich breit.

Ein erstes Schlückchen im Brauwerk

Die Überbrückung der Wartezeit auf den Einlass – pünktlich um 14:00 Uhr – wurde in der vorgelagerten, erst im Vorjahr errichteten Kleinbrauerei Brauwerk – in einem gläsernen mehrstöckigen Rundbau errichtet – erfolgte gar nicht überraschend mit einem Bier. Und zwar mit einem Schlückchen Hausmarke 2 Session IPA. Dieses Indian Pale Ale verfimage6ügt über ausgeprägte Bitterstoffe, ist angenehm im Angang. Die blonde Hausmarke 2 ist milder, so wurde ich ausgeklärt, ein Witbier (Witbier). Das dunkle Porter – Hausmarke 3 – ist runder. Und dann gäbe es noch das säuerliche Gose und das Miss Candy mit Himbeer-Touch. Wir erfahren, dass Brauwerk-Braumeister Martin Simion schon viele, wenn nicht aller Länder Brauereien bereist hat. Er durfte auch schon in Großbritannien, Dänemark und auch Wien die verschiedensten Biere und Bierstile brauen. Ein Gewinn für das junge Unternehmen.

Bier-Symposium „Belgien berührt die Sinne“ am Hefeboden image14

Das offizielle Programm, organisiert von Clemens Sadnik (Firma Kolarik & Leeb) begann um 14 Uhr 30 in der beeindruckenden historischen Mälzerei („Hefeboden“), die seit Jahren wie auch einige weitere Räume als beliebter Veranstaltungsort für Szene-Events dient.

image3Den folgenden Streifzug über die belgische Biergeschichte und ihren Einfluss mit anschließender Verkostung moderierten in kompetenteimage10r, aber auch humorvoller Doppel-Conference Stefan Lehninger, Dipl.Biersommelier der Firma Kolarik & Leeb, und „Biersepp“ Sepp Wejwar, Chefredakteur, Bier-Sommelier, Co-Autor des Buches „Bier kombiniert – Das passende Bier zu jeder Speise“, BeerKeeper Gold Level. BeerKeeper stellte sich vor als eine Institution, die Bier-Trainings für Firmen, aber auch für interessierte Privatpersonen durchführt. Dieser erste Teil der Veranstaltung wurde als „angeleitete Verkostung“ apostrophiert.

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Rege Präsenz der Gastgeber

Am Symposium nahmen der neue Geschäftsführer von Kolarik & Leeb, Martin Hochebner, und der Geschäftsführer der Ottakringer Brauerei, Matthias Ortner, teil. Eröffnende Worte sprach auch der Repräsentant der renommierten Getränkefirma del Fabro, Her Franz del Fabro. Ottakringer-Geschäftsführer Matthias Ortner wies auf den bemerkenswerten Umstand hin, dass ausgerechnet eine große Brauerei als Kulisse zum Präsentieren von Craft-Bieren diene. Doch sei dies bei näherer Betrachtung gar nicht so abwegig, weil sowohl die Großen als die Kleinen nebeneinander durchasu bestehen können, ja dass es nr von Vorteil sein kann, wenn sich der Bier-Markt belebt und immer mehr bewusste Genießer die angebotene Vielfalt schätzen lernen. Natürlich wurde erneut stolz das noch ganz junge, innovative Brauwerk auf dem Ottakringer Firmengelände erwähnt, bei dem es sich um eine eigenständiges Unternehmen handelt.

Viel Staunenswertes tut sich in der Craft Bier-Szene.

image10Dem traditionellen Bier-Land Belgien mit seiner ausgeprägten Bier-Kultur eine Veranstaltung zu widmen, erschien unerlässlich. Während image6sich dies bei uns in Östereich erst allmählich durchzusetzen beginnt, dass jedes Spezialbier sein eigenes spezielles Glas verlangt, ist das passende Glas zu jedem Bier schon lange eine Selbstverständlichkeit. Im Bereich Food Pairing bieten die belgischen Biere mit ihren vielfältigen natürlichen Frucht- und Kräuter-Nuancen ganz neue Kombinationsmöglichkeiten und regen zum Nacheifern an. Inzwischen haben viele kleine Brauereien in anderen europäischen Ländenr diese Herausforderungen an und liefern sich einen passsionierten, höchst kreativen Wettbewerb. Die Teilnehmer des Symposiums kamen in den Genuss der Gegenüberstellung von belgischen Bieren und Craft-Bieren aus anderen Ländern.

image13Die zauberhafte Welt der Biere

Auch wenn man sich bereits geraume Weile damit befasst hat und durch kleine Brauerein getourt ist und da und dort durch Bierspezialitäten gekostet hat, verblüfft die Vielfalt der Craft-Biere stets aufs Neue. Alte Traditionen erfahren dank der mutigen Handwerker unter den Brauern eine neue Hochblüte, vergessene Rezepturen werden wieder ausgegraben, neue Kombinationen werden ersonnen. Es gibt mehr jenseits der blonden und dunklen, klarenimage14 und trüben, milden und starken Biere. Eine bunte Bierwelt tut sich auf, von milchig-blass bis granatrot, vom Blütenduft bis zur Kaffee-Note.

Bei der Verkostung wurden folgende Biere vorgestellt und besprochen:

Liefmann’s Fruitesse, serviert on the rocks mit Minze, in bauchigem Glas – ein herrlicher fruchtiger Geschmack, für mich stark nach Kirschen. Meiner Meinung nach ein ideales Sommergetränk und ein angenehmer Aperitiv. Gefolgt von Blanche de Namur, einem Witbier (Weißbier) mit Kräuter- und Koriander-Note, ebenfalls mit sommerlichem Touch, mild schaumig. Die Sommelieres erklären uns, dass das Reinheitsgebot von den Herstellern als Verpflichtung betrachtet wird, Flavorisierung nur mittels natürlicher Zusatzstoffe vorzunehmen. Blanche de Namur ist eher mild, schaumig und eignet sich ideal als Speisebegleitung. Die Brasserie La Chouffe war als nächstes vertreten mit einer Sonderedition „Soleil“, einem sehr homogenen, angenehmen Bier, eher golden, mit frischen Aromen nach Stachelbeer. Dieses Craft Beer eignet sich gut zu gegrilltem Fisch. Ein wichtiges Thema für Bierliebhaber und Gastrosomie: Landläufig herrscht immer noch die Überzeugung, dass nur Wein zu Fisch passt. Es gibt aber durchaua Biere, wie dieses hier, die optimal als Begleitung zu Fischgerichten passsen.

Nun die Nicht-Belgier

Es folgte eine Gegenüberstellung der belgischen Biere mit weiteren Biersorten, angeführt von der Brauwerk Hausmarke 4, die erst in einigen Wochen in den Handel kommen wird.  Sie nennt sich „4 Flanders Red“ und ist ein ausgewogenes säuerliches Bier mit leicht rötlicher Optik, daher auch der Name. Ein erfrischendes Getränk. Wie viele Craft-Biere nichts für konservative Bier-Konsumenten, aber für jene, die andere Geschmackslandschaften erleben wollen.  Zum Abschluss wurden zwei Biere aus den USA vorgestellt die allein scho aufgrund des größeren Flaschen-Formates und der einprägsamen Etiketten Aufmerksamkeit auf sich ziehen. „Brooklyn Local 1“ und „Brooklyn Local 2“ aus der New Yorker Brooklyn Brewery zeichnen sich aber auch durch ausgezeichneten kräftigen Geschmack aus. Firmen- Slogan „It’s a local one“ ist bezeichnend für das erwachte Selbstbewusstsein der Craft Bier-Erzeuger.

image2 image14image1image4image7image8Bier-Cocktails

Auch das Segment Bier-Cocktails war beim Symposium vertreten, und zwar  dank einer überzeugenden Kombination von Aperol und Ottakringer Helles. Ideal gleichwermaßen für probierfreudige Aperol-Fans, aber auch für abwechslungsfreudiger Biertrinker. Als Sommer-Special für findige Lokale durchaus geeignet! Auf das Mischungsverhältnis kommt es natürlich an – beziehungsweise auf das entsprechende Feingefühl. Der ausgewogene Muster-Cocktail mundete hervorragend. Er ließ Vorfreuden auf einen Sommer mit einer neuen Genuss-Variante aufkommen. Die Gedanken begannen zu wandern. Da könnte man doch… mischen… Ja! Kreativität ist es! Wieder einmal fällt mir ein, dass nach und nach auch die Palette der Früchte- und Gemüsesorten immer vielfältiger wird. Wenn ich von heute einen einzigen neuen Impuls mit nach Hause nähme, so wäre es dieser: Mehr Mut und Experimentierfreude beim Mixen von Getränken! Der Fantasie freien Lauf lassen und dem Gefühl folgen!

image5Fortsetzung auf der Galerieimage9

Nach der angeleiteten Verkostung erfolgt ein Szene-Wechsel. Der nächste Teil des Bier-Studiums setzte sich eine Etage höher fort, wo Tische aufgebaut waren und weitere interessante Craft-Biere vorgestellt wurden, so unter anderem geforerens Bock-Bier, das im Zuage des Tauens einen erhöhte Alkoholgehalt aufweist – nur die erste abtauende halbe Menge wird konsumiert.

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BeerKeeper-Ausbildung und Food-Pairing

Während Führungen durch das gläserne Brauwerk geboten wurden, absolvierten eine große Zahl der Teilnehmer einen weiteren Programmpunkt, das Food-Pairing-Special. Unter der Moderation von Birgit Rieber (Institut für Bierkultur) wurde der BeerKeeper, die gastronomieorientrierte Bier-Ausbildung vorgestellt und anhand von Food-Pairing-Beispielen die Faszination und Vielfalt der Möglichkeiten der Bier-Begleitung von salzigen und Süßspeisen vorgestellt. Wie die richtige Bier-Auswahl den Eigengeschmack der Speisen sogar noch betonen kann, dass es sehr wohl passende Biere zu Fisch gibt – und ob!  – das bewies Fachfrau Birgit Rieber unter Assistenz des Brauwerk-Teams überzeugend.

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image1Die wunderbare Vielfalt des Food Pairings

Die Food-Pairing-Degustation regte zu weiteren Fantasien über Kombinationen an: Was spräche beispielsweise gegen einen Versuch, sich an eine gelungene Kombination von Uhudler und Craft-Bieren zu wagen, Bier-Bonbons und Bier-Schokoladen zu erzeugen oder Salat mit Bier zu würzen? Nun, vielleicht gibt es all das auch schimage11image7on… Das Symposium hat jedenfalls Mut zum Experimentieren und Probieren gemacht – aber vor allem gezeigt, dass Manches verrückt und abwegig anmutet und dennoch herrlich zusammenschmeckt.

Beflügelnde Einblicke

image10Wer bis zum Symposium noch kein Bier-Genießer war oder Wein für ein vielseitigeres Produkt hielt, bekam an diesem Nachmittag seine Weihen. Innerhalb weniger Stunden avanciert man nicht zum Bier-Kenner, doch die Einblicke waren so intensiv, wie sie innerhalb so kurzer Zeit nur sein konnten. image9Die vielen Geschmacksnuancen, die optische Vielfalt hinterlassen einen tiefen Eindruck oder bieten, wenn man so will, auch gleich wieder einen Vorgeschmack auf das Craft-Bier-Fest http://www.craftbierfest.at – in Wien Anfang Mai, in Linz Anfang Juni –  und auf ein nächstes Craft-Beer-Symposium in Ottakring.

Innovationen in der Gastronomie

image16Österreich, ein Land der Weinkultur und des Bierkonsums zum Durstlöschen? Insider wissen, gerade kreative Genießer und lebensbewusste junge Leute schätzen die Vielfalt der Craft Bier-Szene. Die Spitzengastronomie hat bereits reagiert, und immer mehr Gastronomen lassen erlesene Biere als Aperitiv, Digestif oder als ausgesuchte Begleitung zu allen Gängen Einzug halten. Interessierten Genießern sollte das Ausprobieren durch fachkudige Beratung erleichtert werden. Wir sind mit vielen Klischees aufgewachsen und sind gefordert, die vertraute Zone zu verlassen und Neues zu entdecken. Dass sich im Gourmetbereich derzeit neue Kontinente auftun, ist nicht übertrieben. Also, auf zu neuen Ufern!

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Lektüre und Links

Der Prostillion. Das Genussmagazin von Kolarik und Leeb. Auch als PDFs zugänglich – auf der Firmenwebseite. Redaktion: Clemens Sadnik

Bier kombiniert – Das passende Bier zu jeder Speise, Karl Schiffner und Sepp Wejwar, 2010, ISBN 978-370402403-9

Ottakringer Brauerei: http://www.ottakringerbrauerei.at/

Kolarik & Leeb (Getränke-Großhandel): http://www.kolarik-leeb.at/

BeerKeeper: http://www.beerkeeper.eu – Bier Sepp und Birgit Rieber

Del Fabro (Getränke-Spezialist): http://www.delfabro.at/

Brauwerk: http://www.brauwerk.wien/

 

 

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